Der Jakobsweg in Małopolska

Benediktinerabtei Tyniec
Schon seit dem Mittelalter pilgerten Pilger aus unterschiedlichen Ecken Europas nach Santiago de Compostela. Eine der Abzweigungen dieses Wegs verläuft über Małopolska. Heute ist er wieder zugänglich.

Der Jakobsweg - das Internet des Mittelalters

Der Jakobsweg ist eine der ältesten Pilgerrouten Europas, die schon im 9. Jahrhundert bekannt war! Könige aus verschiedenen Epochen haben auf diesem Weg gepilgert. Die spanische Nationalmannschaft besucht noch heute vor jedem wichtigen Spiel Santiago da Compostela.

Der Austausch von Pilgern hat in einigen Jahrhunderten der europäischen Geschichte zur intellektuellen Entwicklung des Kontinents beigetragen. Pilger, darunter viele Intellektuelle, haben von Stadt zur Stadt gewandert, und auf diese Weise ihr Wissen und sogar die materielle Kultur verbreitet und geteilt. Den zwischen allen Teilen Europas gespannten Jakobsweg kann man mit dem heutigen World Wide Web vergleichen. Der Europarat hat die Tradition dieser Pilgerroute als einen wichtigen Bestandteil unserer Kultur gewürdig und zu deren Wiederherstellung aufgerufen. Die meisten Abschnitte des Jakobwegs befinden sich heute auf der UNESCO-Welterbeliste.

Der polnische Abschnitt ist ein Teil der Via Regia, die aus Vilnius, über Grodno, Kiew, Lemberg, Kraków, Olkusz, Będzin, Wrocław, Dresden, Leipzig, Frankfurt am Main, Köln, Aachen, Brüssel, Paris, Orlean, Bordeaux, Pompeluna, Burgos bis Santiago de Compostela verläuft. 2015 hat der Globetrotter und Entdecker Marek Kamiński, der in einem Jahr beide Pole bezwungen hat, die Strecke aus Königsberg nach Santiago de Compostela in nur 119 Tagen geschafft und ist dabei 4000 Kilometer gelaufen t.

Das Symbol des Jakobwegs, die Jakobsmuschel, ist weder mit der Person des Heiligen noch mit dem Ziel der Pilgerfahrt Santiago de Compostela direkt verbunden. Viele Pilger setzen ihre Pilgerfahrt fort, nachdem sie Compostela erreicht haben und laufen bis zur Atlantikküste, genau gesagt zur Landspitze Cabo Fisterra, die im Mittelalter als das Ende der Welt galt. Von hier haben die Pilger die Muscheln dieser Krustentiere mitgenommen, die im Laufe der Zeit zum Wahrzeichen oder einer Art Wegweiser geworden sind.

Begeben Sie sich auf die Route der Kirchen, die Jakobus - dem Lieblingsschüler von Jesus - geweiht sind

2008 hat man den Verlauf des Pilgerwegs wiederherstellt, der heute als der Jakobsweg von Małopolska bezeichnet wird. Historisch gesehen, verläuft der Weg über das Weichsel-Tal von Sandomierz nach Kraków. In diesem Jahr soll man diesem Pilgerweg besondere Beachtung schenken, denn das Jahr 2021 ist das Jubiläumsjahr des hl. Jakobus des Apostels.

Er war der erste der zwölf Apostel, der als Märtyrer gestorben ist. Man sagt, dass er Jesus besonders nah stand. Der hier gemeinte heilige Jakobus der Ältere Apostel wird in ganz Europa besonders verehrt. Einer Legende zufolge gelangten seine streblichen Überreste im 7. Jahrhundert von Jerusalem nach Santiago de Compostela (Spanien) und so entstand diese besondere Kultstätte.

Der heutige Pilgerweg wird mit gut sichtbaren und lesbaren Wegweisern markiert. Es stellt sich heraus, dass man auf dem Weg nach Santiago de Compostela überall in Europa Kirchen begegnet, die diesem Heiligen geweiht sind. In der Wojewodschaft Małopolska finden wir Jakobskirchen in Orten wie Pałecznica, Niegardow und Więcławice Stare. Es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um Plätze, an denen die Pilger seit Jahrhunderten übernachtet und die Rast gemacht haben. Es war kein Zufall, dass die Kirchen 30 Kilometer voneinander entfernt waren, also in einer Entfernung, die ein Mensch an einem Tag zu Fuß bewältigen kann.
Auch in Kazimierz bei Kraków (heute ein Stadtteil von Kraków) gab es eine Jakobskirche.  Möglicherweise gab es sie schon im 13. Jahrhundert. Leider ist diese nicht mehr erhalten. Sie stand an der heutigen Uferpromenade der Weichsel, von der Seite der Straße ul. Wietora.

Alleine auf den Pilgerweg

Der heutige Jakobsweg in Małopolska ist so angelegt, dass der Weg meistens über Schotter- und Feldwege verläuft, fernab von lauten Verkehrsadern und Autostraßen, allerdings über andere wichtige Orte des religiösen Kults, die man unterwegs besichtigen kann. Die Ideengeber der Route hatten zudem die Naturvorzüge des Wegs berücksichtigt. Der Jakobsweg in Małopolska richtet sich an individuelle Pilger, die sich alleine um ihre Unterkunft und Verpflegung kümmern müssen - alles, was sie dazu brauchen, sollten sie im Rucksack dabei haben.
Der Hauptverlauf des Jakobwegs in Małopolska beginnt in der Stadt Sandomierz, doch wenn man die Pilgerfahrt in Małopolska beginnen möchte, bietet sich dafür die erste Jakobskirche in  Pałecznica aus dem 14. und 15. Jahrhundert gut an.
Hier sind Tipps für fünf Orte, die man auf dem Jakobsweg in Małopolska nicht meiden darf:

  • Zielenice. Aus Pałecznica lohnt sich ein Abstecher nach Zielenice. In diesem kleinen Ort befindet sich in Sanktuarium der Mutter Gottes Zielenice im Hauptaltar das Gnadenbild der Mutter Gottes mit Jesuskind (eine Kopie des Gemäldes unserer Lieben Frau vom Schnee aus Rom), das in dieser Gemeinde seit 1613 angebeten wird! Angeblich wurde das Bild aus dem damals polnischen Kamieniec Podolski (heute in der Ukraine) mitgebracht. Das Gemälde war für seine zahlreichen Gnaden berühmt und galt daher als wundertätig.
  • Więcławice Stare. Hier steht eine dem Heiligen Jakobus dem Älteren Apostel geweihte und 1325 zum ersten Mal urkundlich erwähnte Kirche. Ohne jeden Zweifel lag diese Kirche auf dem mittelalterlichen Weg der Pilger nach Santiago de Compostela. In der Kirche findet man Reliquien des Heiligen Jakobus, die ursprünglich aus Rom hierher überbracht worden sind. Diese werden jeden Monat am 25. Tag des Monats während des Abendgottesdiensts sowie während der Ablassfeier zum 25. Juli zur Schau gestellt. Ein Besuch in der Kirche lohnt sich nicht nur wegen der Reliquien. Die Kirche liegt auf der Route der Holzarchitektur und in ihrem Hauptalter kann man ein Gemälde mit dem Heiligen Jakobus bewundern. Ein Engel hält einen Ruhmkranz über seinem Kopf und die Engel an den Füßen des Heiligen tragen seine Symbole: Ledersack, Pilgerstock, Schwert und Muschel. Zu den besonders kostbaren Werken gehört das links vom Altar angebrachte St.-Nikolaus-Triptychon, das 1477 auf Holz gemalt wurde! Das mittlere Teil stellt den hl. Nikolaus zusammen mit den hll. Stephanus und Laurentius dar; vorne auf dem linken Flügel: die hll. Johannes der Täufer und Andreas, Stanislaus von Krakow und Erasmus; vorne auf dem rechten Flügel: die hll. Bartholomäus und Jakobus der Ältere, Florian und Georg. Bei den liturgischen Feiern in dieser Kirche kann man bis heute genutzten Ornate aus historischen Epochen, wie Gotik,Barock oder Rokoko, sowie sehr wertvolle liturgische Gefäße, wie die spätgotische Monstranz bewundern. Bemerkenswert ist dabei, dass hier, in der Gemeinde Więcławice Stare 2007 die Bruderschaft des Heiligen Jakobus ins Leben gerufen wurden, die zur Wiederherstellung des Jakobwegs in den Grenzen von Małopolska entscheidend beigetragen hat.
  • Kraków. Die St.-Nikolaus-Kirche (ul. Kopernika 9) mit einem Chatschkar - armenischen Kreuzstein der als Denkmal für die polnischen Armenier gilt. Der Chatschkar wurde 2004 eingeweiht und erinnert einerseits an die Armenier, die sich in Polen schon seit dem 14. Jahrhundert niedergelassen haben, andererseits  an die Opfer des türkischen Genozids an den Armeniern von 1915.  Die St.-Nikolaus-Kirche wurde bereits im 11. oder frühen 12. Jahrhundert errichtet und lag an der Handelsstraße nach Ruthenien. In der Kirche befinden sich zahlreiche historische Kunstwerke, darunter ein Taufbecken aus dem Jahr 1536.
  • Kraków. Die St.-Franziskus-Basilika (Platz Wszystkich Świętych 5) wurde im 13. Jahrhundert errichtet, ihre heutige Form der Gestaltung weicht stark von der ursprünglichen ab. Die Anlage wurde mehrere Male umgebaut. Sie ist der Sitz des Franziskanerordens, der von Herzog Heinrich dem Frommen nach Kraków gebracht wurde. Trotz ihrer langen Geschichte ist sie heute vor allem für ihre Wandmalereien und Glasfenster von Stanisław Wyspiański und eine originalgetreue Kopie des Turiner Grabtuchs bekannt. Vielleicht werden wir bald eine neue, bisher unbekannte Geschichte des Klosters entdecken. Der Grund dafür ist eine Entdeckung aus dem Jahr 2015, bei der Archäologen und Geschichtsinteressierte bei ihren Forschungen unter der Passionskapelle Katakomben freigelegt haben. Den noch laufenden Untersuchungen zufolge befinden sich unter dem Kloster 18 Krypten. Zu einigen von ihnen konnten sich die Forscher mittlerweile Zugang verschaffen und haben dort 96 Bestattungen in 95 Särgen entdeckt.

  • Kraków. Die Benediktinerabtei in Tyniec (ul. Benedyktyńska 37) schließt symbolisch den Małopolska-Abschnitt des Jakobswegs ab und ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnlicher Ort. Sein Charakter und seine Umgebung spiegeln weitgehend die Absichten wider, die hinter der Wiederherstellung des Jakobswegs in Małopolska stehen.  Die wunderschöne natürliche Umgebung, in der das Benediktinerkloster erbaut wurde, und die Anlage selbst laden zur Kontemplation, zum Nachdenken und zur Wertschätzung der umgebenden Natur ein!

 

Wir sehen uns auf dem Weg!

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